Wenn die Musik wieder aus dem Äther kommt
36 Tage als Mensch im Jahr 1996. Das bedeutet: kein Smartphone in der Tasche, kein Streaming-Dienst mit 100 Millionen Titeln, keine personalisierte Playlist, die schon weiß, was als Nächstes kommt. Wer 1996 Musik hören wollte, hatte im Wesentlichen drei Wege: die eigene CD- und Kassettensammlung, den Plattenladen am Wochenende – oder den Knopf am Radio.
Und genau da kommt Hitwelle ins Spiel: unser hauseigener Radiosender für dieses Projekt. Hitwelle ist ein CHR/Hot-AC-Sender im Stil von 1996 – also das Format, das damals die großen Hitradios prägte, irgendwo zwischen SWF3, Bayern 3 und dem frisch gestarteten 1 Live. Kurze Moderationen, viel Musik im Sweep, gesungene Jingles im amerikanischen Imaging-Stil und ein Soundlogo, das man nach drei Tagen nicht mehr aus dem Kopf bekommt: dieser aufsteigende, a cappella gesungene Dreiklang „Hit-wel-le!", der mehrmals pro Stunde kommt.
Die Senderclaims tun das, was Claims 1996 eben taten – sie versprechen alles und nichts:
„Die besten Hits — Hitwelle. Nummer eins für neue Hits. Mehr Musik am Morgen."
Und – das ist der entscheidende Unterschied zu heute – wer hier mitmachen will, greift nicht zum Handy:
„Keine SMS, kein Internet. Rufen Sie an oder schreiben Sie uns eine Postkarte."
Was im Januar 1996 wirklich lief
Das Schöne am Radio von 1996: Man bekommt nicht, was man will, sondern was läuft. Eine Monats-Playlist ist eine Mischung aus den aktuellen Chart-Hits, den frischen Neuerscheinungen und den Recurrents – also den Songs, die seit Herbst rauf und runter gespielt werden und einfach nicht aus der Rotation verschwinden wollen.
Der Januar 1996 hatte einen klaren Wachwechsel an der Spitze der deutschen Single-Charts. Bis zum 21. Januar thronte dort noch Michael Jacksons „Earth Song" – sechs Wochen lang die Nummer eins, ein Brett von einem Song. Dann übernahm am 22. Januar Coolio feat. L.V. mit „Gangsta's Paradise" die Spitze: der HipHop-Crossover-Hit, der vom „Dangerous Minds"-Soundtrack aus die ganze Welt erobert hatte und jetzt auch hierzulande ganz oben stand.
Drumherum tobte die volle Bandbreite des Jahres: deutscher HipHop, der gerade explodierte, Eurodance in Dauerschleife, Britpop aus England, und ein paar Balladen, die einfach nicht müde wurden. Besonders schön zu beobachten: Robert Miles' „Children" klettert im Januar gerade erst – noch ahnt niemand, daß dieses Dream-House-Instrumental im Frühjahr wochenlang die Nummer eins sein wird. Und Tic Tac Toe stürmen mit „Ich find' dich scheiße" Mitte Januar frech in die Charts; das war damals tatsächlich neu und ein kleiner Skandal.
Die Hitwelle-Playlist · Januar 1996
Hier ist die echte Rotation des Monats – die Songs, die im deutschen CHR/Hot-AC-Radio im Januar 1996 tatsächlich liefen, belegt über die Charts und die Release-Daten. Künstler – Titel:
An der Spitze der Charts:
- Coolio feat. L.V. – Gangsta's Paradise (Nr. 1 ab 22. Januar)
- Michael Jackson – Earth Song (Nr. 1 bis 21. Januar, 6 Wochen oben)
Frische Neuerscheinungen & aktuelle Hits:
- Everything but the Girl – Missing (Todd Terry Remix)
- Fugees – Fu-Gee-La
- Tic Tac Toe – Ich find' dich scheiße (Chart-Eintritt 14. Januar)
- Robert Miles – Children
- Mr. President – I Give You My Heart
- Joan Osborne – One of Us
- Blümchen – Herz an Herz
- Coolio – 1, 2, 3, 4 (Sumpin' New)
- Coolio – Too Hot
- Die Toten Hosen – Paradies
- Mark Snow – The X-Files (Theme)
Recurrents – die Dauerläufer aus Herbst/Winter '95:
- Take That – Back for Good
- Oasis – Wonderwall
- Simply Red – Fairground
- Die Fantastischen Vier – Sie ist weg
- Pur – Abenteuerland
- Scatman John – Scatman (Ski-Ba-Bop-Ba-Dop-Bop)
- La Bouche – Be My Lover
- Los del Río – Macarena
- Celine Dion – Think Twice
- Bryan Adams – Have You Ever Really Loved a Woman?
- Alanis Morissette – You Oughta Know
- Scooter – Move Your Ass!
- DJ BoBo – Love Is All Around
- Meat Loaf – I'd Do Anything for Love (But I Won't Do That)
- Edwyn Collins – A Girl Like You
28 Titel, ungefähr so viel, wie eine Monatsrotation 1996 hatte. Auffällig ist, wie deutsch das Programm war: Die Fantastischen Vier, Tic Tac Toe, Pur, Blümchen, Scooter, DJ BoBo, Die Toten Hosen – die heimische Szene lieferte 1996 mehr Hits als in vielen Jahren davor.
Warum das so viel anders klingt
Wer heute eine Playlist startet, hört seine Lieblingssongs hintereinander weg. Im Januar 1996 hörte man stattdessen Coolio, dann eine Verkehrsmeldung, dann „Earth Song", dann den Wetterbericht („Das Wetter, präsentiert von Hitwelle"), dann einen Eurodance-Track, den man vielleicht gar nicht mochte – und dann, völlig unverhofft, genau den Song, auf den man gewartet hatte. Dieses Warten, dieses Ausgeliefertsein an die Rotation, war der eigentliche Reiz. Man hat einen Song nicht besessen, man hat ihn erwischt – mit dem Finger an der Aufnahmetaste des Kassettenrekorders.
Genau das holt Hitwelle für die nächsten Wochen zurück. Im Februar wechselt die Rotation – dann steigt ein gewisser Babylon Zoo mit „Spaceman" aus einer Levi's-Werbung heraus an die Spitze. Aber das ist eine andere Ausgabe.
Bis dahin: Stellen Sie den Empfänger ein, lassen Sie die Finger vom Suchlauf – und denken Sie daran, eine leere TDK-Kassette bereitzulegen.